Der Kampf um Schulnoten

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Der Artikel «Der Kampf für klassische Schulnoten geht los» hat mich aus dem Blog-Winterschlaf geweckt. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren aus irgendeiner pädagogischen Richung den Wunsch nach mehr Noten wahrgenommen zu haben. Dass sich der politische Bildungsdiskurs offenbar an einer ganz anderen Stelle befindet, war mir bisher nicht bewusst. Darum habe ich zu diesem Anlass ein paar Gedanken zum Thema Noten in einem offenen Brief an die Fraktionen des Zürcher Kantonsrats zusammengefasst.

Und auch ihr, liebe Pädagoginnen und Pädagogen da draussen, meldet euch doch bitte bei den euch bekannten Politikern und teilt ihnen unsere echten Anliegen mit und dass uns eine festgeschriebene Notenpflicht in keiner Art und Weise weiterhilft. Nun der offene Brief an die politischen Entscheidungsträger:

Noten in der Volksschule

Eine pädagogische Sichtweise für politische Entscheidungsträger

Noten sind ein gesellschaftliches Mittel zur Selektion. Der pädagogische Wert von Noten kann wissenschaftlich nicht gestützt werden. Dass Noten auch als Selektionsmittel unzulänglich sind, zeigen private Eignungstests. Probleme bestehen, die Schulbildung muss sich den gesellschaftlichen Anforderungen anpassen. Mehr Noten leisten zur Selektion keinen Beitrag und sind als Antrieb für unsere Kinder erwiesenermassen kein wirksames Mittel.

Die wissenschaftliche Sicht

“Tritt man einen Stein, so kann man die Flugbahn einigermassen genau berechnen. Tritt man einen Hund, so muss man damit rechnen, dass dieser sich umdreht und einen in den Fuss beisst.” (Bateson, 1977)

Mehr denn je zuvor befinden wir uns in der Welt des Hundes. Die Komplexität steigt durch Globalisierung und Digitalisierung exponentiell. Neue Erziehungsmodelle, Lehrpläne und Integration drücken auf das Bildungssystem. Dies erzeugt Verunsicherung, besonders bei den Eltern, die für ihre Kinder die besten Voraussetzungen für die Zukunft wollen. Doch was genau braucht es in der Zukunft?

Eine Möglichkeit diese Frage zu beantworten ist es, in der persönlichen Vergangenheit zu suchen. Eine Alternative findet man in der Bildungsforschung.

Das Center for Curriculum Redesign (CCR) beschäftigt sich weltweit mit dieser Frage und skizziert im Buch «Die vier Dimensionen der Bildung» ein mögliches Modell für die Volksschule. Sie schreiben:

“Diese Entwicklung hat zwei gravierende Folgen: Akkreditierungsstandards und die dazugehörigen Prüfungen müssen naturgemäß externe Leistungsmerkmale testen und Lernende miteinander vergleichen und sortieren. Das läuft dem Ziel entgegen, dass jeder seine persönlichen Lernziele verfolgen kann. Wenn Lernende von außen bewertet werden und diese Ergebnisse ihre zukünftigen Möglichkeiten beeinflussen, so werden dadurch extrinsische Motivationen verstärkt, was häufig verringerte intrinsische Motivation für das Lernen nach sich zieht.”

Rolf Arnold, Professor für Pädagogik an der TU Kaiserslautern beschäftigt sich intensiv damit, was Lernen ist und über welche Gelingensfaktoren eine erfolgreiche Bildung verfügen soll. Er schreibt:

“Neue Lernkulturen können nur dann in einer nachhaltigen Weise entstehen, wenn die verantwortlichen Akteure sich selbstreflexiv öffnen und verändern (wollen), ohne sich abwehrend oder gar beharrend auf gewachsene Erfahrungen und Routinen zurückzuziehen und aus persönlicher Empfindung statt auf der Basis transparenter – professioneller – Kennzahlen und empirischer Einsichten der Lern- und Veränderungsforschung zu reagieren.”

Sogar im kürzlich eingeführten Lehrplan 21 kommt eine klare Haltung zur Beurteilung zum Tragen:

“Die Kompetenzbeschreibungen erleichtern eine auf Kriterien abgestützte Beurteilung des Leistungsstands der Schülerinnen und Schüler. Daraus ergeben sich Möglichkeiten zur Weiterentwicklung und Verbesserung der Beurteilungspraxis. Dies ist jedoch keine Voraussetzung für die Einführung des Lehrplans. Der Lehrplan 21 enthält keine Regelungen zur Form der Leistungsbeurteilung. Eine Beurteilung mit Noten ist auch mit dem Lehrplan 21 möglich.”

Schule ist nicht perfekt, das wird sie nie sein. Heute stellt sich die Schule den vielen neuen Anforderungen und versucht Wege zu finden, unsere Kinder bestmöglich auf eine ungewisse Zukunft vorzubereiten. Natürlich klappt nicht alles auf Anhieb, natürlich machen Eltern nicht nur positive Erfahrungen.

Es ist sehr erfreulich, dass die Politik Notiz nimmt von den Schwierigkeiten und beginnt zu handeln. Dies ist absolut notwendig. Doch bitte entscheiden Sie sich nicht für einen Weg in die Vergangenheit:

Vor 86 Jahren verfasste Text (Wohnlich, 1934) in der schweizerischen Lehrerinnenzeitung

“Eine weitere von der Bildungswissenschaft formulierte Kritik betrifft die Sozialisationsfunktion des Zeugnisses. Durch Prüfungen und Benotung erleben die Schülerinnen und Schüler die Leistungsorientierung der Gesellschaft bereits in der Schule und lernen, dass es vor allem darum geht, Leistungen in amtlichen Dokumenten ausgewiesen zu bekommen und dass Kategorien von Geschlecht, Wohngegend und Schulart wichtiger sind als individuelle Besonderheiten.” (Sacher & Rademacher, 2009)

Ich hoffe, Sie entscheiden sich für einen positiven, mutigen und konstruktiven Weg in die Zukunft. Das ist es, was die künftige Generation von uns braucht.

“[Es kann] nicht ernsthaft erwogen werden, Leistungen und Leistungsforderungen aus der Schule zu verbannen. Die Schule soll sich zwar nicht kritiklos an die Leistungsgesellschaft anpassen, aber sie muss die Kinder und Jugendliche auf sie vorbereiten, d.h. durch eine angemessene Leistungserziehung befähigen, ein menschenwürdiges Leben in ihr zu führen und sie human weiterzuentwickeln.” (Sacher & Rademacher, 2009, S. 214)

Bitte gestalten Sie heute die Bildung von Morgen. Es gibt viele Menschen, die Bildung aus verschiedensten Perspektiven neu denken. Nutzen Sie diese Ressource und verfallen Sie nicht den Verlockungen der Vergangenheit.

Mit freundlicher Unterstützung durch Andrea Meier mit ihrer Masterarbeit «Herausforderungen der Leistungsbeurteilung in der Schule – Empfehlungen und Antworten aus der Bildungswissenschaft und schweizerischen Bildungspolitik»

6 Kommentare

  1. „Der pädagogische Wert von Noten kann wissenschaftlich nicht gestützt werden.“ – stimmt. Nur sind Noten nicht für die Pädagogik, sondern für die Lehrstellensuche.

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    1. Viele Lehrbetriebe verlangen inzwischen zusätzlich zum Zeugnis noch einen Eignungstest (z.Bsp. Berufs-Check), da die Schulzeugnisse zu wenig aussagekräftig sind.

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