Hausaufgaben neu denken

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Im letzten Beitrag des Google Blogs wurden die besten und meistgeladenen Apps des Jahres 2017 gekürt. Beste App wurde „Socratic – Math Answers & Homework Help“, eine App zur „Erledigung“ von Hausaufgaben. Unter dem Slogan „Homework done in a snap!“ wird versprochen, dass man die Lösung für jede Aufgabe bekommt. Damit sollte nun wirklich klar sein, dass Hausaufgaben grundlegend neu für das digitale Zeitalter gedacht werden müssen.

Können statt erledigen

Ich hatte vor einigen Monaten ein Elterngespräch, das von den besorgten Eltern gewünscht wurde. Anlass war das Fach Mathematik. Die Sorge betraf den Umstand, dass die Hausaufgaben der Tochter nicht eingefordert und kontrolliert würden. Es komme vor, dass sie am Abend vor der Prüfung noch nicht alle Hausaufgaben gemacht habe.

Auf den ersten Blick ist dies natürlich besorgniserregend. Doch diese Situation ist nicht aus einem Versäumnis entstanden, sondern ist meine bewusste pädagogische Entscheidung. Ich bin überzeugt, dass wir „Lernen“ nicht erzwingen können. Natürlich können wir „Erledigen“ einfordern, doch führt dies wirklich zu besseren Schülern? Heute hat von der Sek an aufwärts jede Klasse ihren Whatsapp-Chat, in welchem Hausaufgaben die Runde machen. Apps bieten Millionen von Hausaufgabenfragen an oder – wie mir eine Schülerin zeigte – erkennen handschriftliche Rechnungen und lösen diese schrittweise vor. Wir haben heute Zugang zu unendlich vielen Informationen im Internet. Es kann nicht sein, dass wir Aufgaben mit nach Hause geben und die Hoheit der richtigen Lösung als Druckmittel benutzen. So fördern wir das „Erledigen“, nicht das „Können“.

Das „Können“ im Vordergrund

Können (Englisch viel eleganter „Mastery“ genannt) steht im Fokus vieler pädagogischer Strömungen. Im Blended Learning ist es ein zentraler Bestandteil, im Selbstorganisierten Lernen und natürlich auch in der Kompetenzorientierung des neuen Lehrplan 21. Selbstverständlich braucht es weiterhin intelligentes und regelmässiges Üben, um Kompetenzen in den verschiedensten Fachbereichen zu erlangen, doch dies lässt sich nicht mehr über das „Erledigen“ einfordern. Stattdessen muss das „Können“ das geforderte Ziel sein.

Zurück also zu den besorgten Eltern. In der Mathematik prüfe ich das „Können“ regelmässig in formativen Lernkontrollen. Eine Standardform ist ein Online-Test mit dem Tool Socrative.com. Ich überlasse den Lernprozess bewusst den Lernenden. Mir ist sehr bewusst, dass dies in meiner braven Sek A viel besser gelingt als in vielen anderen Klassen. Dennoch bin ich sicher, dass das Abschreiben von Lösungen immer einen viel zu geringen Lerneffekt hat. Ich hatte die letzten vier Lernkontrollen mit dabei und das Mädchen hat in jeder Werte von 70-80% erzielt. Für mich gelten damit die Hausaufgaben als gemacht. Wer unter 60% erzielt, bekommt von mir Erklärungen und neue Zielvereinbarungen. Zudem besprechen wir, wie der Lernprozess verbessert werden kann.

Nun habe ich damit begonnen, dieses Vorgehen den Eltern gegenüber transparent zu machen, indem ich diese Lernstandserfassung als mit Faktor Null gewichtete Note erfasse und auch auf den Prüfungen ausweise.

Lehreroffice Noten

Die Eltern waren nach diesen Erklärungen sichtlich zufrieden mit ihrer Tochter. Selbstverständlich könnte auch sie mit mehr Einsatz noch mehr als eine 4 bis 4.5 im Zeugnis rausholen. Wir kamen jedoch gemeinsam zum Schluss, dass sie mit ihrer gesunden Einstellung eine gute Balance von Aufwand und Leistung gefunden hat. Heute hat sie nun einen unterschriebenen Vertrag einer guten Lehrstelle. Sie konnte offenbar trotz mässiger Mathe-Note überzeugen. Ich bin mir sicher, dass sie durch die bekommene Eigenverantwortung mehr gelernt hat als durch erzwungenes Erledigen.

Lernerfolg durch Motivation

Die Motivation etwas können zu wollen ist für das Lernen absolut unerlässlich. Selbst wenn es nur die Noten sind, welche als extrinsische Motivationsspritze wirken. Das Wollen ist eine Grundvoraussetzung für das Können. Selbstverständlich gibt es in jeder Klasse Schüler, die Unterstützung in der Selbstorganisation benötigen. Natürlich gebe ich besonders in der ersten Sek immer wieder Termine vor und kontrolliere Hefte. In meiner aktuellen dritten Klasse habe ich ganz damit aufgehört und übergebe die Lernverantwortung an die Schüler. Ich stelle den Schülern immer alle Lösungen digital zur Verfügung. Wer bei einer Aufgabe nicht weiter kommt, soll in der Lösung nachschauen dürfen. Wer eine Aufgabe gelöst hat, will sofort wissen, ob die Lösung korrekt ist und nicht erst in ein paar Tagen. Dies fördert Lernprozesse, wie wir sie heute in einer digitalisierten Welt brauchen.

Hausaufgaben neu denken

Den Kampf um die geheime Lösung im Lehrerordner haben wir schon längst verloren. Wir müssen unseren Schülern den Unterschied von Lernen und Erledigen bewusst machen und ihnen die persönliche Entscheidung für oder gegen das Lernen überlassen. Nur so bereiten wir sie auf eine Zeit vor, in der Wissen immer und überall zugänglich ist.

Ein Kommentar

  1. Das sehe ich genau so wie du. Toll, wie es dir gelungen ist, die Angst der Eltern ernst zunehmen, ihr Bedürfnis und nicht die Kritik dahinter zu sehen. Ich glaube, dass ein Coaching der «Selbssteuerungskompetenzen» nachhaltig investierte Zeit ist, als ein zeitintensives Hausaufgabenkontrollsystem. «Einmal angenommen, du hast überhaupt keine Lust auf Mathehausaufgaben, du findest es aber wichtig, dass deine Mathenote steigt… Wie könntest du vorgehen?» – Die Verbindlichkeit hat ebenfalls einen Einfluss auf die Motivation. Die Gretchenfrage ist, wie ich Verbindlichkeit einfordern kann, ohne zu viel meiner Zeit dafür aufzuwenden. Dein schneller %-Check ist eine mögliche Antwort dafür.

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